Kulturtage Marokko

Die Veranstaltung

"Auf den Spuren einer facettenreichen Kultur und eines Landes im Aufbruch"
 
„Wir lieben Marokko – deshalb arbeiten wir gerne für dieses Land“, fasste der EMA-Präsident und Honorarkonsul des Königreiches Marokko, Prof. Dr. Horst H. Siedentopf, das Engagement vieler ehrenamtlicher Helfer in seinem Grußwort zusammen. Marokkanische Kultur pur war vom 12. bis zum 13. Dezember 2009 im Museum für Völkerkunde zu erleben, die über 1.100 Besucher anlockte. Unter der Schirmherrschaft der Hamburger Kultursenatorin Prof. Dr. Karin von Welck, in Zusammenarbeit mit der Botschaft und dem Honorarkonsulat Marokko, veranstaltete die EMA ein abwechslungsreiches Programm.
 
Kultur pur
 
Die Gäste wurden von orientalischer Musik und dem Duft von Räucherstäbchen empfangen. Bereits im Eingangsbereich des Museums erhielten sie Eindrücke marokkanischer Kultur, Kunstfertigkeit und dem traditionellen Handwerk des Teppichknüpfens. Jürgen Tönsmann, Geschäftsführer des seit 1885 bestehenden Familienunternehmens für Orientteppiche, gab im Rahmen einer Vortragsreihe detaillierte Auskunft über die Geschichte, Gegenwart und Besonderheit marokkanischer Teppiche.
Um die marokkanische Kultur mit nach Hause nehmen zu können, wurden Bücher regionaler Autoren angeboten. Als Kostprobe las Kirsten Kleine aus dem Buch „Ich, Mireille“ vor, welches von einer französisch-marokkanischen Ehe handelt.
Süßer Pfefferminztee, dazu Sesam- oder Kokosnussgebäck, verkürzten das Warten auf das große Buffet mit marokkanischen Spezialitäten am Abend. Als Speiseöl, aber auch für viele andere Zwecke zu verwenden, ist das auf der Veranstaltung vorgestellte und verkaufte Argan-Öl, welches von der Argand’or GmbH direkt aus Marokko importiert wird. Handverlesen und handgepresst werden die Früchte des Arganbaums, der zu einer der ältesten Baumarten der Erde gehört und aufgrund seiner besonderen Ansprüche einzig in der Region zwischen Marrakesch und Agadir im Atlasgebirge wächst. Eine Kultivierung des Baumes ist bisher nicht gelungen, weshalb sein Öl so wertvoll und der Schutz seines Lebensraums ein Anliegen des Unternehmens ist.
 
Das Highlight für die jüngsten Besucher der Kulturtage Marokko war die Märchenlesung. Dr. Detlev Quintern, Miriam Shabafrouz und Ingo Podeszwik schafften es durch ihre eindrucksvolle und bildreiche Erzählweise, die Kleinen in ihren Bann zu ziehen. Erzählt wurde die Fabel von der Ringeltaube, die natürlich mit einer Moral endete, oder wie es Dr. Quintern ausdrückte: „Die Geschichte endet mit etwas, was wir uns zu Herzen nehmen können, nämlich: Wäre es nicht einfacher, sich in Freundschaft zu verbinden, um sich gegenseitig zu helfen?“
 
Das Abendprogramm wurde schließlich mit Grußworten seitens des Botschafters des Königreichs Marokko in Deutschland, S.E. Rachad Bouhlal, eines Vertreters der Hamburger Kultursenatorin Prof. Dr. Karin von Welck, Herrn Herms, des Honorarkonsuls Marokkos und EMA-Präsidenten, Prof. Dr. Horst H. Siedentopf, und Verena Westermann vom Museum für Völkerkunde eröffnet. Zu dem anschließenden Konzert des Atlass-Orchesters aus Frankfurt am Main erschienen rund 400 Gäste, die der orientalischen Musik und der dazu inszenierten marokkanischen Hochzeitszeremonie beiwohnten und die Tanzfläche mit Leben füllten.
 
Frauen in Marokko
 
Der zweite „Kulturtag“ begann mit einer kritischen Würdigung der politischen Entwicklung Marokkos in den letzten sieben Jahren. Im Fokus dabei stand die rechtliche und gesellschaftliche Stellung der Frauen in Marokko, nachdem Aziz Alkazaz (stellv. EMA-Präsident und ehemaliger Volkswirt am Hamburger Orient Institut) einen Gesamtüberblick über die großen Herausforderungen dargelegt hatte, wozu die politische und wirtschaftliche Stabilisierung wie auch die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und die Stärkung der Bürgerschaft zählten. Beat Stauffer (Journalist und Leiter von Kursen und Studienreisen in die Region) sprach über eine zaghafte Entfaltung von Bürgerrechten und einer marokkanischen Zivilgesellschaft, beispielsweise durch die Erlaubnis von Nicht-Regierungsorganisationen. Problematisch seien jedoch weiterhin die unklare Gewaltenteilung sowie die Korruption. Dounia Elkorchi stellte in ihrem Vortrag das seit 2003 geltende Gesetz Moudouwan vor, welches auf Erlass des Königs das Familienrecht reformierte. Dadurch werde die politische Gleichstellung von Mann und Frau gewährleistet, was weitreichende Folgen in Recht und Gesellschaft nach sich ziehe. Scheidungen sind seither leichter möglich, das Sorgerecht wurde vereinfacht sowie traditionelle Rechte verboten, wie die Verstoßung der Frau und die Vormundschaft über sie. Elkorchis Bilanz nach sechs Jahren fällt jedoch eher kritisch aus, da das Gesetz gesellschaftlich noch nicht alle Bereich durchdrungen habe. Besonders in ländlichen Gebieten sei das neue Recht bisher kaum implementiert und einzelne religiöse Gruppen lehnten es bis heute ab.
 
Autorenpreis-Verleihung
 
Zum Abschluss der Kulturtage Marokko wurden Autoren mit einem Journalistenpreis ausgezeichnet, die aktuell brisante Themen Marokkos in Reportagen behandelten. Im Bereich Kultur wurde Dr. Mohammed Khallouk für seine Rezension „Sich das Erstaunliche Bewahren über das Befremdliche“ ausgezeichnet. Darin entlarvt er „westliche Orientbilder als unvollständige Scheinwirklichkeiten“ im Prosawerk „Marrakesch“ von Christoph Leistens. Clara Gruitrooy erhielt den Journalistenpreis im Bereich Wirtschaft für ihren im EMA-Magazin Mediterranes erschienen Artikel „Migration – ein kontrovers diskutiertes Thema“. Darin analysiert sie die südliche Sicht auf das Phänomen (Wirtschafts-)Migration, welcher nur selten in Europa Raum geboten werde.
 
Fazit
 
Die EMA bot gemeinsam mit dem Völkerkundemuseum, der Stadt Hamburg sowie den Botschaftsvertretern ein umfangreiches Programm, das in seiner Bandbreite kulturelle, politische und gesellschaftliche Facetten Marokkos widerspiegelte. Ein großes Anliegen der EMA ist die Vermittlung von historischem und gegenwärtigem Kulturaustausch zwischen Europa und Marokko genauso wie die von innergesellschaftlichen, aktuellen Debatten. Die Kulturtage Marokko konnten einen wertvollen Beitrag hierzu leisten.
von Heike Hahn